Die Geheimnislosigkeit der Welt

Ich sehe ein, dass es gar keinen Sinn mehr hat. Ich bin wehrlos. Es ist unmöglich, ungesehen über irgendeinen Platz dieses Landes zu gehen. Oder eine Halle zu durchqueren.

Wer immer es für nötig hält, hört meine Telefongespräche ab. Das betrifft sowohl meinen Festnetzanschluss, als auch mein Handy. Wahrscheinlich durchleuchtet man sogar meine Post.

Ich bin sogar sicher, mich auf Satellitenbildern wieder zu erkennen, die jeder Mensch im Internet abrufen kann.

Gebe ich in Google Earth meinen Wohnort Stainz ein, sehe ich mich, wie ich das Café Lex verlasse und gerade auf die gegenüberliegende Straßenseite zu meinem Auto gehen will an einem Sonntagmorgen.

Aber warum spioniert man mich aus?

Meine Telefonnummer steht ohnehin im Telefonbuch.  Die Polizei braucht meine Wohnungstür nicht aufzubrechen, um Spionageprogramme in meinen Computer einzupflanzen, wenn sie wissen will, was ich tue und was ich von ihr halte. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Jeder kann mich alles fragen. Und ich beleidige niemanden absichtlich.

Sogar das Finanzamt und meine Sozialversicherung unterhalten sich über mich. Tauschen Daten über mich aus. Sollen sie doch. Mir ist schon alles egal.

Es sind keine Geheimnisse übrig geblieben.

Gefühle sind Vorgänge im Gehirn, für die es vernünftige Erklärungen gibt. Diesbezüglich mache ich mir nichts vor.

Ich brauche nicht einen einzigen Gedanken daran verschwenden, ob es irgendwo auf der Welt einen unentdeckten Flecken gibt. Es gibt nämlich keinen.

Es gibt keine Unendlichkeit der Welt. Und selbst ihr Ablaufdatum, welches sie erst in einigen Milliarden Jahren erreicht, nimmt wahrscheinlich schon eine der nächsten Generationen vorweg.

Wir wissen alles, aber der Überwachungsstaat hat noch immer nicht genug. Jeder Einzelne wird auf seine Unzulänglichkeiten hin überprüft, analysiert und katalogisiert. Resultate, sowohl den körperlichen als auch den geistigen Zustand betreffend werden auf Karten gespeichert.

Ich bin ein Rechenbeispiel. Ich bin durchsichtig und kalkulierbar.

Ich habe die Freude an mir verloren, weil ich und die anderen alles über mich wissen. Ich langweile mich nur mehr. Ein paar Jahre noch, dann bin ich vollkommen nutzlos. Und ich kann es vor keinem verbergen. Denn wenn sie meine Karten lesen, ahnen sie es ja heute schon…


 

Beitrag für die Grazer Wandzeitung Ausreißer  

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