Passeggiata (3): Alta Marea. Die Langsamkeit. Der Zauber der Fische.


Endlich wieder eine großartige Acqua Alta.

Die macht die Wege weit.

Und sie schreibt den Stadtplan vollkommen neu.

In den vergangenen Tagen – es ist Mitte November - bin ich fast jeden Morgen von jenem schrillen Pfeifton geweckt worden, der einen Wasserstand von einem Meter und zehn über Normal verkündet.

Man gewöhnt sich an viele Dinge, deshalb will ich mich auch heute nach dem Pfeifton noch einmal ins Kissen wühlen, die Decke und die darin noch munteren Träume hochziehen bis über die Ohren.

Doch im Augenblick dieser Idee, die vielmehr ein Reflex ist, eine angelernte Wintereigenschaft, geht der Ton in den höheren Ton über, dann in den nächsthöheren um schließlich den vierten, den höchstmöglichen Ton zu spielen, der eine Acqua Alta von zumindest einem Meter vierzig über Normal verspricht.

Ich glaube, dass ich weniger als zwanzig Atemzüge benötigt habe, um aus dem Bett zu springen, mich anzuziehen und in leichten Schuhen die Tür hinter mir ins Schloss schnappen zu lassen. Sogar in den leichtesten Schuhen, die ich besitze, ich will ja nicht rücksichtslos in die Acqua Alta hinein, durch sie hindurch, so als wäre sie nicht vorhanden.

So funktioniere ich nicht.

Ich will sie lesen, respektieren.

Und meinen Weg finden in der neuen Stadt.

Endlich wieder eine Alta Marea, welche mittels lautem und aufgebrachtem Scirocco nicht nur reichlich Wasser aus der Lagune in die Gassen schickt, sondern mir auch dichten Regen, durchwoben von einzelnen Schneeflocken - einem seidenen Vorhang nicht unähnlich - ins Haar und ins Gesicht wirft.

Herrlich.

An solchen Tagen bringt mich keiner in die Wohnung zurück. Ich muss gehen und gehen. Mich dem Wasser annähern, es fühlen, riechen, umrunden.

Sonst gehe ich nicht auf die Piazza San Marco, aber bei Acqua Alta zieht es mich auch dorthin. 60 cm Hochwasser bei 140 cm über normal.

Großartig.

Ein Kosmos, welchen ich stundenlang staunend betrachten kann.

Die Langsamkeit und das veränderte verfügbare Stadtbild sind das eine.

Aber ich gehe auch deshalb nicht in die Acqua Alta hinein, weil sie nun den vorübergehend ein Stockwerk höher angesiedelten Bewohnern, den Fischen gehört.

Diese kommen herauf aus ihrem Eigentlichen und sind in dieser Zeit nicht nur gleichberechtigte Bewohner Venedigs. Vielmehr sind sie bevorzugt, schließlich ist es ihr Element, das ihnen Eintritt verschafft in das sonst Unmögliche.

Ins Ferne.

Die „Latterini“, im Venezianischen heißen sie auch „Anguee“, sind nur die Idee eines Fischchens, so klein sind sie, ein flüchtiges und flinkes Funkeln, wie ein Lichtreflex, welcher die Möglichkeit, nichts als eine Täuschung zu sein, gar nicht zu widerlegen imstande ist.

Diese winzig kleinen Fische sind nicht nur klein und geschickt genug, um in Mauerritzen zu gelangen, es heißt, dass einige wenige von ihnen dort auch bleiben, von einer Acqua Alta zur nächsten. Selbst wenn Monate dazwischen liegen oder die Hitze eines Sommers.

Natürlich, das ist nur eine Geschichte. Aber warum sollte ich ihr keinen Glauben schenken? Schließlich erfreue ich mich an der Vorstellung.


Um in die Ritzen der Häuser zu kommen sind die „Cefali“ viel zu groß. „Siègoi nennen die Venezianer sie. Oder „Bòsega“. „Volpina“. „Verzelata“. „Caustèo“ und „Lotregàn“ sind weitere Namen für den Fisch. Der zurückhaltende Übermut, welcher die Meeräschen vor allem im Sommer gelegentlich an die Wasseroberfläche schickt, fehlt ihnen während der Zeit des Hochwassers. Dann sind sie Jäger und ihr Revier ist die überflutete Piazza San Marco. Immer wieder gibt es Verrückte, die ins Wasser eintauchen, um aberwitzige Fotografien von sich machen zu lassen. Die tun, als wären sie gestolpert und das Wasser stünde ihnen bis zum Hals. Es heißt, dass viele plötzlich, wie vom Schlag getroffen gänzlich untergetaucht, nie mehr zum Vorschein gekommen und Opfer der „Siègoi“ geworden sind.

Natürlich, das ist auch nur eine Geschichte. Aber ich werde mich hüten zu denken, sie wäre nicht wahr.


Die „Ghiozzi“, die Grundeln sind zahlreich aber scheu, sie kommen selten an die Wasseroberfläche.

Il „Gò“, wie die größere Art von den Venezianern genannt wird, hat Zauberkräfte. Erzählt man sich. Schon allein deshalb versuchen jene, die davon Kenntnis haben, welche eingeweiht sind in dieses Geheimnis, eine Ahnung des Fisches, ein flüchtiges Schimmern zu fangen und an die eigene Erinnerung zu heften, während das trübe Wasser die Mauern hoch steigt und sein Rhythmus, seine Ordnung sich verändert. Sie verzaubern einen, sagt man. Hat man jemals eine gesehen, zieht man einen schützenden Mantel über sich, den man niemals mehr ablegt.



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