Strömungstauchen, Free-Climbing jederzeit. Aber keinesfalls Fussball.


In Bezug auf die Politik bin ich mittlerweile emotionslos. & Privates ist privat. Allein: Meine Emotionsflut, die der Fußball mir abringt, ist öffentlich. Ich bin gezeichnet, gestehe ich mit kindlicher Naivität und Ehrlichkeit ein, von dem was der Grazer Athletik Klub, im Folgenden kurz GAK genannt, mir seit Monaten zumutet. Am Tag des Zwangsausgleichs, der ein vorläufiger Tiefpunkt in meinem Leben gewesen ist, viel schlimmer als schulischer Misserfolg, ein Seitenbandeinriss und mein aufgebrochenes Auto, das in dem zurückgelassenen Zustand wertlos war, fehlte doch das einzig Teure daran, die Stereoanlage samt Boxen, war ich das zum Bild gewordene kollektive Leiden der GAK-Fans. Auf der orf.at-Seite starrte ich an diesem Unglückstag voller Verzweiflung ins Nichts. Stundenlang. Auf die erlösende oder niederschmetternde Nachricht wartend. Siehe jetzt: www.markart.net unter „gak“.


Während meiner „römischen Zeit“ habe ich mich am Freitagabend in den Zug nach Graz gesetzt. Am Nachmittag bin ich dann ins Stadion. Abends wieder in den Zug. Sonntagmorgen bin ich schon wieder in Rom gewesen.


Mein Arzt hat mir schon vor vielen Jahren geraten, mit Fußballplatzbesuchen und ähnlichen lebensgefährlichen Zeitvertreiben aufzuhören. Strömungstauchen, hat er gesagt, Free-Climbing, jederzeit. Das kann nur gesund sein. Aber keinesfalls Fußball. Für einen Menschen wie mich, hat mein Arzt gesagt, sei Fußball so etwas wie eine endgültige, jedoch leider tödliche Diagnose. Und nach den letzten Wochen und Monaten weiß ich auch, was er damit meint. Mein Bruder Tom, der mich zu jedem Spiel auf den Fußballplatz begleitet, ist mein Sanitäter. Zumindest vertraue ich darauf, dass er in Ausnahmesituationen widerstandsfähiger ist als ich. Und ich bin froh ihn bei mir zu wissen. Denn nach einigen erfolgreichen Jahren mit Meistertitel und Uefa-Cup haben mich die letzten Jahre und im Speziellen die jüngste Vergangenheit ausgebrannt. Ich bin ein Reservat für mein Unglück. Ich bin jetzt ein Versuchsland nach den Versuchen. Auf diesem Land bin ich ein Großbrand, eine Epidemie, eine Sturmflut, ein Vulkanausbruch, ein Erdbeben, eine Reaktorkatastrophe, eine ewige Sonnenfinsternis und der Verlust der Sprache. Das hat mein Arzt wahrscheinlich gemeint, als er mich vor vielen Jahren gewarnt hat, zu GAK-Spielen auf den Fußballplatz zu gehen, zum Zeitvertreib.


(dieser Text ist in der Grazer Wandzeitung erschienen)  

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