Köstliche Story! Der Protagonist hat ein Problem: immer wenn er einschläft, wacht er in einer anderen Figur auf. Er muss diese zu Tode bringen, um wieder in seinen eigenen Körper zurückkehren zu können! Das macht er mithilfe von Einflüsterungen, die den anderen dazu bringen sollen, Fehler zu begehen.

Lange arbeitete Mike Markart an seinem Werk, das Resultat ist ein Bravourstück.

(Werner Krause, Kleine Zeitung)


"So etwas muss einem erst einfallen!'Schlafes Bruder' einmal anders."

(ORF / Ö1)

 Mike Markarts Erzählkonzept ist genial.

….In einer der schönsten Suggestionsstellen der Weltliteratur befiehlt der eingeschlichene Schläfer seinem Helden, „endlich zu ziehen“….

Letztlich ist es diese kühne Erzählposition, die den Leser mitreißt. Alles, was während einer Lektüre üblicherweise über stille Vereinbarungen funktioniert, wird hier zu einem großartigen Strategiespiel aufgedonnert, worin der Erzähler mit Hilfe seines Lesers die Helden der Weltgeschichte steuert.

Absurd witzig, hinterhältig kalt, gesotten frech – eine wunderbare Erzählung.

(Buchkultur, Wien)

Mike Markarts phantastische Erzählung zeigt Schlafes Bruder kunstsinnig und allzu menschlich….ein Aperçu an den Tod.

(Björn Vedder, Titel Magazin, Deutschland)

Mike Makarts perfekte Prosa.  Egal ob Westernliebhaber oder Musik-Guru, wenn die Helden in Todesgefahr sind, will man als Leser sofort wissen, wie es wirklich um sie steht.  Mike Markart platzt mit seinem wundersamen Titel "Dillingers Fluchtplan oder Karajan umzubringen war mir ein Bedürfnis" in das Plätschern des Literaturbetriebes, und der Knalleffekt im Titel macht durchaus Sinn, denn es geht letztlich um Sein oder Nicht-Sein im Text.

(Literatur und Kritik, Salzburg)

 

... höchst amüsant und lesenswert ... strotzt vor schrägen Einfällen ...

(Michaela Reichart, Steirerkrone)


Der Autor Mike Markart hat mit Dillingers Fluchtplan eine unglaublich komische Erzählung geschrieben....

(Barbara Belic, Radio Steiermark)

…das schlichtweg geniale Konzept von Markarts kleiner, sehr sauber geschriebenen Erzählung…

(Wilhelm Hengstler, Korso)

Rezensiert von: werner schandor


Der steirische Schriftsteller Mike Markart, Jahrgang 1961, ist das beste Beispiel dafür, dass man in der Literatur Ich-Erzähler und Autoren-Ich niemals verwechseln sollte. Der Autor Mike Markart ist ein umgänglicher Typ: lange Haare, schüttelt Hände nach Art der Hippies, ist stets freundlich und mit so unauffälligen Vorlieben wie Familie, Kochen, Chilizucht, Rotwein, Fußball und Italien gesegnet. Die Erzähler-Ichs und Figuren in Markarts Erzählband Magritte, der über 20 Prosatexte aus zwei Jahrzehnten versammelt, wären dagegen in der realen Welt – gelinde gesagt – allesamt Fälle für die Psychiatrie.

In der harmloseren Ausprägung handelt es sich um typisch österreichische Zwangscharaktere: Typen, die aus nichtigen Anlässen Hunderte Seiten lange Beschwerdebriefe an den Bundespräsidenten schreiben, oder solche, die den Untergang des Abendlandes darin sehen, dass Geschäftsbriefe nicht mehr auf der mechanischen Schreibmaschine geschrieben werden, sondern auf der elektrischen – „oder gar auf dem Computer“. In den meisten anderen Fällen/Texten ist die Welt der Figuren Markarts noch viel stärker aus den Fugen geraten. Zum Beispiel beim Filmfreund, von dem immer dann, wenn er ins Kino geht, ein Verwandter stirbt, was allerdings seiner Cinephilie keinen Abbruch tut; oder beim Mordverdächtigen, der den Polizisten beim Verhör erklärt, er sei zum Tatzeitpunkt von einem Ufo entführt geworden, das ihn in eine fremde Galaxie zum Essen gebracht habe – als sei das das Selbstverständlichste auf der Welt.

Unglaubliches wird von Markarts Figuren als selbstverständlich hingenommen; das Vertraute und Gegebene aber verwandelt sich in den Texten nach und nach in Unverständliches. In diesen Welten sind die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt und bedrohen den Menschen: Da rauscht im Titeltext Magritte – nach Motiven des surrealistischen Meisters – der Wind durchs Zimmer und wirbelt alles durcheinander, so dass der Hauptfigur nur noch bleibt, auszuziehen. In einer anderen Geschichte dröhnt aus den Mauern eines Hauses derart gewaltiges Meerestosen, dass die Hauptfigur ein Boot besteigt und ins Innere der Mauern entschwindet. Und in wieder einem anderen Text irritiert ein dichter, bodennaher Nebel, der die Straßen von Rom bedeckt, aber nur für den Erzähler sichtbar zu sein scheint … Wie in den Bildern von Magritte ist es in Markarts Texten meist nur ein Detail, welches das Bild der Wirklichkeit zum Kippen bringt und die Figuren rat- und hilflos zurücklässt.

Und es wird viel gestorben in Markarts Texten – der Tod als Fluchtpunkt ist stets präsent. Wenn auch die Welt in ihre Einzelteile zerbröckelt, bleibt zumindest der Tod als Konstante. Aber nicht einmal auf ihn ist Verlass, wovon die Geschichte Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender zeugt: Sie handelt von einem todkranken Mann, der nicht und nicht sterben kann. Er versucht, sich mit Tabletten umzubringen, trinkt hochgiftige Chemikalien, schneidet sich die Pulsadern auf, rast mit dem Auto gegen ein Tunnelportal – alles ohne Erfolg.

Markarts Erzählton bleibt dabei unaufgeregt, manchmal mischt sich eine sehr leise Melancholie in die Prosa. In den älteren Texten der Sammlung ist eine gewisse Verehrung für Thomas Bernhard nicht zu leugnen. Die Sprache gestaltet sich dabei als Sermon, der sich an der Unperfektheit der Welt verbeißt. In den jüngeren Texten hat der in Stainz in der Weststeiermark lebende Autor zu seinem eigenen Tonfall gefunden, der sich durch eine ruhige Bewegung auszeichnet. Die Sprache kreist dann nicht mehr insistierend um ein Ding oder einen Vorfall, sondern beschreibt in kleinen Schritten, wie die jeweilige Figur durch eine meist kleine Irritation aus der gewohnten Bahn geworfen wird, und wie sich die Wirklichkeit sukzessive ins Unwirkliche steigert. „[…] die Bewegung selbst ist jedes Mal eine Überraschung“, sagt die Autorin Yoko Tawada in ihrer Laudatio auf Mike Markart, als dieser 2001 den Würth-Literaturpreis für den Text Magritte gewann: „Mir scheint wichtig, dass dieses Wunder allein durch die Sprache des Autors ermöglicht wird.“

Schön, dass Markarts kleinere, verstreute Prosatexte nun in einer sinnvoll zusammengestellten Sammlung vorliegen und zur Entdeckung eines äußerst lesenswerten Autors einladen.


"Markart ... beweist mit "Calcata" eine genau beobachtende Zuneigung zu den Eigentümlichkeiten italienischer Städte und eine ruhig leitende Erzählerstimme auch in einem labyrinthischen Text." (Maria Handler / APA)

"Die knappe Sprache tut ihrer Poesie keinen Abbruch. Die Prosaminiaturen unterlaufen das Genre Roman; sie verdichten sich zu einem Panorama des Verfalls, aus dem der Funke der Utopie aufblitzt." (Ingeborg Waldinger / Wiener Zeitung)

Der Grazer Autor Mike Markart legt in seinem neuen Erzählband Magritte eine Sammlung von Kurztexten vor, in der mehr als nur eine literarische Begleitstimme zu Bildern des großen Surrealisten entsteht: Markart lädt ein zu einer ganz erstaunlichen Ausstellung. Ein Rundgang mit HUBERT HOLZMANN.

In seinem Magritte-Band stellt der Schriftsteller Mike Markart, der seit den 80ern zahlreiche Lyrikbände vorgelegt und Hörspiele u.a. für den ORF produziert hat, Kurzprosa aus fünf Jahren zusammen, die in ihrer stilistischen Ausarbeitung sehr geschlossen wirken. Der gesamte Band – und nicht nur die ersten sechs Magritte-Texte selbst – wird von einer sehr starken Bildlichkeit bestimmt. Er präsentiert hier Miniaturen, zeichnet darin einzelne, klare Motive, doch diese Einfachheit scheint nur auf den ersten Blick bestätigt.


Einen ersten deutlichen Akzent setzen die sechs Texte zu Beginn der Sammlung, die im Untertitel auf ein Bild von Réne Magritte verweisen und fast noch wie eine Art Fingerübung scheinen, treffen sie doch im Tonfall Magrittes surrealistische Traumwelten aus seiner ersten stilbildenden Anfangszeit um 1926. Von Markart werden diese Gemälde gespiegelt, gedoppelt – und doch bezeichnenderweise eigentlich nur gestreift, Bildmotive wie die grauen Männer mit Melonen aus Der Monat der Weinlese oder die mit Tüchern verhüllten Gesichter zitiert, die Bildkomposition jedoch neu gedeutet.


»Eingeschlagen in Eichenbrettern«


Markart verfasst keine Schilderungen, Nacherzählungen, Assonanzen zu Magrittes Bildern – der Künstler ist weit entfernt von kreativen Schreibwerkstätten – es entstehen Deutungen, Gegenbilder, eigene Traumwelten. Gleich der erste Text »Offensichtlich kennen diese Menschen vom Fluss eine Stelle, wo das Wasser sich anheben lässt« (zu Magrittes Die Flussbewohner von 1926) geht über einen Paralleltext weit hinaus, nimmt die Vorlage nur als Anstoß, verweist auf sie, beobachtet die Außenwelt, nimmt den Beobachter hinzu, der in seiner Welt durcheinander gerät. Markart verstört in seiner Literatur, das Normale wird zerstört. Das Außen läuft ab, ohne beeinflussbar zu sein. Jedoch auch im Innen ist das Ich isoliert. Abgeschnitten die zwei Welten. Ohne Begegnung. Entfernung und Rätsel.


Auch im zweiten Text »Nach dem Vorbild der großen Ordnung: Die in Eichenholz eingeschlagene Familie. Frachtfertige Menschen. Jener ideale Zustand« (Perspektiven II: Der Balkon von Manet, 1950) schreibt Markart das Bild weiter: setzt die Serie von Zitaten fort. Von Manet zu Magritte zu Markart. Doch er treibt damit kein harmloses Spiel, keine bloße Verdoppelung. Sitzt im impressionistischen Urbild noch eine dreiköpfige »heilige« Familie – in bester hierarchischer Ordnung; Vater, Mutter, Tochter sind ausgestellt – wurden diese von Magritte in Eichenbretter eingesargt. Auch Markart greift dies als Zitat auf. Der Grazer Dichter setzt aber auch hier den Außenblick, eine Ich-Perspektive hinzu: als flüchtenden, ausbrechenden Vogel. Die Reminiszenz an österreichische Morbidität erwacht hier sofort. Als Hinweis, eine Widmung vielleicht. Markarts Sprache ist jedenfalls deutlich: »Jemand betritt mein Blickfeld und er ist in Eichenholz eingeschlagen, also tot und frachtfertig und in einem idealen Zustand.«


Aber so düster klingt Markart nicht immer: In der Geschichte »Zuerst er, dann die Diagonale der Leine, dann die Frau« (Der Befreier, 1947) macht das reisende Ich eine kuriose Erfahrung, und zwar erneut als ausdauernder Betrachter: »Monatelang bin ich am Fenster gestanden, habe hinuntergesehen auf den Park, den Zaun. Und jenseits des Zauns habe ich mir dieses Haus vorgestellt.« Und dann fängt dieser Blick eine Bewegung auf und es zieht ein seltsam wunderbarer Zug von Hund, Leine und Frau vor seinen Augen vorbei. Als Impuls an jenem Haus, das die Frau bewohnt, schließlich auch anzuklopfen.


Die Fortsetzung ist dann nicht mehr ganz so irreal und unwirklich gebrochen: Der vierte Kurztext zu Magrittes Die Liebenden, 1928 zeigt den Ich-Erzähler mit einer Frau im intimen Tête-à-tête. Wurden von Magritte die Köpfe der Liebenden noch mit Linnen umhüllt, so entblättert Markart die Geliebte, er »streift ihr das Kleid von den Schultern«. Doch mit welcher Absicht? Mit welchem Grund? Die männliche Geste wird nämlich sogleich relativiert, »rinnt« doch das Kleid »zu Boden, und in dem See, in diesen weichen, roten Wellen, gehen wir von Bord«. Das Allzumenschliche scheint hier – allerdings merklich bedrohlicher – mit Isolde zu versinken.


Auch im Folgetext »Ich verreise, hatte ich zu ihr gesagt, ich fahre in den Norden« (Der bedrohte Mörder, 1926) verschärft sich die bedrohliche Traumwelt: Die Frau, die den Mann hintergeht, liegt bedrohlich auf dem Seziertisch. Das Opfer – alles minutiös geplant vom gehörnten Ehemann – liegt fast unschuldig, wehrlos, passiv da. Was ihr vielleicht noch fehlt? Die kleine Aster...


Italienbilder


Mit diesen Magritte-Texten stellt Mike Markart sein Programm auf, gibt die Linie vor, zeichnet wiederkehrende Motive. Dennoch verschiebt sich die Perspektive in den weiteren Texten leicht. Markart stellt seine Staffelei immer an etwas anderen Orten auf. Malt Italienbilder: Rom wird zum Traumort zweier Nachtwelten eines Träumenden, Suchenden (»Im Grunde genommen bin ich zufrieden, wenn die Dinge sind, wie sie sind«). »Ceci« spielt in einem kleinen italienischen Ort im römischen Hinterland. Markart erzählt hier eine Anekdote aus der Zeit seiner Großmutter: Ein weihnachtliches Kochduell mit Ceci, das sind Kichererbsen. Fast eine Parabel. Vielleicht auch die merkwürdige Zugfahrt durch Italien in »Campora 1990«.


Etwas anders akzentuiert ist die Erzählung »Io bevo oer non annegare. (Ich trinke an gegen das Ertrinken.)«. Beinahe liest sich der Text wie eine Persiflage oder Reminiszenz auf den Untergeher oder Holzfällen von Thomas Bernhard. Dieser 1989 verstorbene österreichische Autor ist hier der Informant eines aus Österreich Geflüchteten. Wie bei Bernhard wird hier über das Marode der Alpenrepublik hergezogen: Geschichte, Dirigenten, NS-Verstrickung: »In Südfrankreich, in der Nähe von Nizza, hat mir Thomas Bernhard von Österreichs Bergen erzählt. Von welchen ich selbst ja keine Vorstellung habe. Wir sind am Hafen gestanden und haben aufs Wasser hinausgesehen. Die Nazis, hat er gesagt, haben am Fuße der österreichischen Berge ihre großartigen Ideen gehabt.«


Gegen solch gleichermaßen realistischen Spaziergänge sind Texte wie »Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender« oder »An trüben Tagen erschrecke ich manchmal, wenn das Raumschiff plötzlich aus den Wolken hervorsticht. Groß wie ein Haus« Gegenentwürfe, die albtraumhaft, paranoid verstörend wirken. Dennoch beeindruckt auch hier die Schwerelosigkeit, die Leichtigkeit von Markarts Erzählweise. Er verknüpft Dinge, die nicht zusammenpassen, vergleichbar der surrealistischen Kompositionstechnik eines Magritte.


Auf die Erzählung »Das Duell« sei nur kurz hingewiesen, in der Markart die fatalistische Geschlossenheit eines zeitgenössischen Kleists-Textes wiederbelebt: die Auslöschung der ganzen Verwandschaft durch Kinobesuche. Leichtigkeit verliert sich hier ganz schnell wieder. Dazu tragen auch Texte bei, in der Markart einen Blick auf die Geschichte wirft. »Alles grau: Ihre Buntstifte. Ihre Augen. Ihr Mund« – eine Erinnerung an Sarajewo. Hier gibt es Verletzungen, Traumatisierungen. Doch bleibt auch im zweiten Teil des Erzählbandes Magritte die Perspektive immer auch ein wenig morbid, grotesk, kafkaesk.


Vor allem wenn Mike Markart Sequenzen der Alltäglichkeit mit Zwanghaftigkeit verknüpft: »Krammer«, der »auf einer mechanischen Schreibmaschine« schreibt, oder in »Todesursache: Körpersubstraktion durch im Kreis gehenden Denkvorgang«. Am Schluss bleibt nur noch eine Zahl: »Duocentosessantamilanovecentosessantatre« – eine Sequenzierung des Lebens. Alltägliches. Allzumenschliches. Eine aufregende Spurensuche.


HUBERT HOLZMANN

Ich gehe, daher bin ich

Roman | Mike Markart: Der dunkle Bellaviri

Welcher Schriftsteller wünscht sich nicht einmal eine Zeit lang als Stipendiat in einer römischen Villa zu leben und sich ganz dem kreativen Schaffen zu widmen. In Gärten zu flanieren, an Brunnen zu sitzen und den Caffé am Morgen in einer kleinen Bar zu nehmen. Der Musenkuss scheint hier doch obligatorisch. Dass dabei trotz allem nicht immer nur künstlerischer Müßiggang herrscht, kann Mike Markart in seinem neuesten Italienroman Der dunkle Bellaviri bestätigen. Der Grazer Autor zeichnet ein Italien abseits der hell erleuchteten Fassaden, sein Blick dringt tief ins Innere des schöpferischen Ichs. Empfohlen von HUBERT HOLZMANN


Mike Markarts neuer Roman Der dunkle Bellaviri spielt in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Rom. Der Ich-Erzähler in dieser Geschichte ist eine eigenwillige Gestalt. Im Dunkeln bleibt, was er genau treibt. Er selbst vermutlich Künstler, Komponist, mitten in einer Schaffenskrise. Er lebt isoliert, sondert sich ab von seiner Umgebung, nimmt nicht teil am öffentlichen Leben, schützt, distanziert sich, beobachtet. Vor allem sich selbst, seine Eigenheiten, Befindlichkeiten. In langen Monologen geht er mit uns, zeigt uns seine Beobachtungen, nimmt uns mit auf seine täglichen Wege durch das Städtchen, über den Platz, zum Brunnen, in den Park.

Hier im Außen wird er von einem Fremden angesprochen, der selbst nicht weiß, wer er ist. Dieser Fremde ist ein Mensch ohne Identität, ohne Erinnerung. »Ich weiß nicht, wer ich bin?« Also ein Zeichen von kompletter Amnesie? Totale Leere? Innere Finsternis? Auf jeden Fall ist der Fremde aber hartnäckig, der Erzähler kann ihn nicht ignorieren, abschütteln. Also beginnt der Ich-Erzähler ihm sein Leben neu zu erzählen: das Leben eines Findelkinds namens Garretti, das bei einem Gemüsebauern aufwächst und als Sonderling laut klappernd mit getrockneten Peperoncini-Schoten durch den Ort läuft.

Markarts Italien

Wer Mike Markart kennt, weiß, dass er die meiste Zeit des Jahres in Italien lebt. Zum Beispiel in Calcata, ein beinahe verfallener Ort nahe der Hauptstadt, von dem er in seinem ersten gleichnamigen Roman Calcata (2009) erzählt. Das Leben dort ist nicht auf Hochglanz der Kulturreisen poliert, es spielt sich ab im Dunkel der Gassen, fast abweisend, sperrig. Sein Erzählband Magritte aus dem Jahr 2012 enthält diese Italienbilder. Und dann gibt es doch gleichzeitig auch die sinnlichen Erfahrungen und Lichtblicke – wie etwa Markarts Fotografien zeigen: unter anderem die Bilderserie von Chili- und Peperoncino-Sorten.

Wer also Italien nicht nur aus der kurzen Zeit um Ferragosto herum kennt, sondern sich wie Markart unter anderem auch als Stipendiat längere Zeit in Italien verbringt und sich auch an Orte der Einsamkeit begibt, dürfte wenigstens ab und zu mal an Grenzen stoßen. Und sich einen Gesprächspartner herbeisehnen. Und als einziges Gegenüber bleibt womöglich nur das eigene Spiegelbild. Und so ergründet Mike Markart in endlosen Monologschleifen im Gehen mit seinem Zuhörer, Nebenmann und Schatten Garretti die Möglichkeit, Biografie neu zu schreiben und zu erfinden.

»Garretti, so machten Sie auf sich aufmerksam, wenige Stunden, nachdem Sie auf die Welt gekommen waren: Sie brüllten in der aufgehenden Sonne Roms im starken, aber hilflosen Arm eines Gemüsebauern aus der Vorstadt. Ich kann Ihnen auch das Datum dieses Ereignisses sagen: Es war der 25. August 1961. Ich verwende einfach mein eigenes Geburtsdatum. Denn ich weiß mit Sicherheit, dass der 25. August 1961 ein Freitag war. Also Markttag. Ich traue dem Fremden nämlich alles zu, wie ich auch jedem anderen Menschen alles zutraue. Er könnte einen einzigen auch noch so kleinen Fehler meinerseits bemerken und mir die Unrichtigkeit meiner Geschichte vorwerfen.«

Im Nebeneinanderher mit Garretti entsteht so eine tiefe Vertrautheit zwischen den beiden, sie teilen die Geschichte von Leere, Isolation, Wahnsinn. Und die Geschichte des anderen. Garretti also ein Doppelgänger, alter ego, die Folie, auf die das Ich transponiert wird. Garretti ist eine erfundene Person, die sich mit dem Klappern der Peperoncini ständig selbstversichert, sich in der Existenz versichert, sich ihr Daseinsrecht erkauft. Ein Spring-ins-Feld der Moderne, der sich im Verlauf der Geschichte als Brandstifter kleiner Feuer in Rom herausstellt.

Weitere Details und Motive zum Ich-Erzähler liefert der zweite Teil, eine Art Mittelteil oder Interludium. In Einzelausschnitten schwenkt der Blick auf Einstellungen aus dem früheren Leben des Erzählers: Er erfährt von merkwürdigen Plänen seiner Eltern, rekapituliert eine beinahe dionysische Erfahrung, die Nähe von Eros und Thanatos, während einer Wanderung durch Latium, berichtet von seiner Schaffenskrise als Komponist und hinterfragt das Leben einer Ameise. Alles zusammen Einzelbilder, die das Ich des Erzählers verorten lassen.

Musik im Palestrinastil

Mike Markart lässt seine Geschichte vom Dunklen Bellaviri in einem italienischen Städtchen spielen, in dem er selbst längere Zeit gelebt hat und noch heute lebt. Vielleicht ist es das Calcata oder das östlich von Rom an den Berghängen gelegene Palestrina, in dem sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts schon Thomas und Heinrich Mann herumgetrieben haben. Mike Markarts Erzähler allerdings wandelt nicht auf literarischen Spuren. Vielmehr schottet er sich ab, geht in Distanz zu diesen Autoritäten, obgleich er das Spannungsfeld zu den musikalischen Vorbildern sucht – bezieht er doch sein Zimmer in Palestrina, dem Geburtsort des Musikers, mit Blick auf das Denkmal des Komponisten.

Markarts Erzähler setzt sich als schaffender Künstler also bewusst in das Spannungsfeld mit der Tradition. Er muss die Einflüsterungen des Renaissancekomponisten ertragen. »Angefangen haben diese Erscheinungen vor einiger Zeit damit, dass dieser Palestrina begonnen hat, sich in meine Kompositionen einzumischen.« Natürlich leidet er darunter, ihm droht der Verlust seines Gehörs. Er sieht seine Existenz bedroht. Und dennoch: Er trotzt den Autoritäten, eine Flucht ist sinnlos.

Mike Markarts Sprache betont in seinem Dunklen Bellaviri bewusst den sehr musikalischen Duktus – fast im Stile des päpstlichen Komponisten: Markart erzählt in kleinen Motiven, winzigen Bausteinen, die er wieder und wieder fast ritornellartig aufgreift, variiert und weiterführt. »Was treibt mich also hinaus aus meiner Wohnung? Hinunter auf die Straße? Durch die Gassen? Oder in den Park? Mein Arzt hat es mir verordnet. Zweimal täglich, hat er zu mir gesagt, müssen Sie hinaus aus Ihren Räumen, hinunter auf die Straße. Er kennt mich beinahe mein ganzes Leben lang… Deshalb sehe ich keinen Anlass, mich seinen Anweisungen zu widersetzen. Ganz im Gegenteil. Ich bin ein Uhrwerk… ich bin zufrieden, wenn ich funktioniere.«

Im Parlando, ein Tempo Andante liegt nahe, schreitet der Erzähler voran. Entwickelt und  durchlebt neben Garretti dessen Biografie in seinen Einzelheiten. Im Gang des Erzählers. Die Unsicherheit spiegelt sich in der Kurzatmigkeit der Sätze. Garretti folgt wie ein Schatten. So entsteht die Figur Garretti als Begleitstimme zum Ich-Erzähler. Gegen Ende des ersten Teils kommt eine weitere Gestalt als Kontrapunkt hinzu: Bellaviri. Zunächst lernen wir Bellaviri als Sonnenkind, das einer fernen Märchen- oder Sagenwelt entstammen könnte, kennen. Es wird durch Garrettis Peperoncino-Geklapper erweckt. Dieser junge Bellaviri öffnet die Fensterläden seiner Kammer und lässt damit die Sonne über dem ganzen Ort erstrahlen. Doch nicht lange. Denn schon bald ziehen dunklere Wolken auf und die Geschichte schwenkt ins Schattenhafte, Parabelartige. Bellaviri erkaltet er und wird künftig Unheil über die Gegend, in der er verweilt, bringen.

Am Schluss dann fast schon wieder eine versöhnliche Geste: In Venedig lassen sich Touristen in einer Gondel durch Venedig fahren, jedoch bei Extremhochwasser siebzig Meter über dem Platz. Mike Markart ergründet in seinem neuen Roman das Künstlerdasein, ohne vordergründig zu klappern. Bewegend.

| HUBERT HOLZMANN


Bücherschau

Markart, Mike - Der dunkle Bellaviri

Ein kafkaesker und gleichzeitig sehr poetischer Roman


„Ich weiß nicht, wer ich bin“, sagt ein fremder Mann zu einem namenlosen Ich-Erzähler, irgendwo in einem kleinen italienischen Ort südlich von Rom. Es scheint, als ob der Fremde sein Gedächtnis verloren hat, er kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an seinen Namen. Der Ich-Erzähler, offenbar ein eher misanthropisch eingestellter Komponist, lässt sich wider Erwarten auf den Fremden ein und beginnt, dessen Geschichte zu erzählen, „sie praktisch in ihn hineinzureden“.

Auf einmal hat der Fremde einen Namen, er heißt Garetti. Als Kind spielt er am liebsten mit getrockneten Peperoncinoschoten, die er ständig mit sich herumträgt und die ein klapperndes Geräusch erzeugen. Eines Tages weckt Garetti mit seinem Schotengeklapper die Aufmerksamkeit von Bellaviri, einem „strahlenden Sonnenwesen“, das zurückgezogen in einer dunklen Villa lebt. Bellaviri tritt ans Fenster, zeigt sich den Leuten und verzaubert alle mit seinem wunderbaren Glanz. Aber nicht nur die Menschen sind überwältigt von diesem strahlenden Licht, auch die dunklen Regenwolken, die bedrohlich über dem Dorf hängen, werden zusehends weggetrieben. Doch was die Menschen nicht wissen: Bellaviri selbst bringt diesen Regen, er ist verantwortlich für die tödlichen Wassermassen, die jeden Ort ertränken, sobald er ihn verlassen hat. Und Bellaviri ist oft unterwegs, immer auf Reisen, nirgends hält es ihn lange …

Vor dem Hintergrund einer ungewöhnlich fremden italienischen Landschaft erzählt Mike Markart eine bizarre Geschichte, die auf verschiedenen Wirklichkeitsebenen stattfindet. Mit seinen rasselnden Peperoncinoschoten, die Bellaviri auf den Plan rufen, wirkt Garetti wie ein Geisterbeschwörer, ebenso der Ich-Erzähler, durch dessen Phantasie diese magisch-surreale Welt überhaupt erst entstehen kann. „Ich habe diesem Garetti eine Welt geredet, zu deren Teil ich zwangsläufig geworden bin“, räumt der Ich-Erzähler ein, während Garetti denkt: „Manche Gedanken in meinem Kopf gehören einem anderen (…). Es ist, als wären sie an dünnen Schnüren befestigt und über all meinem Denken wäre jemand, der an diesen Schnüren zieht.“

„Der dunkle Bellaviri“ ist nicht nur ein kafkaesker und gleichzeitig sehr poetischer Roman, er ist auch eine Hommage an die Kraft der Kreativität, die imstande ist, ganze Welten zu erschaffen. Dennoch bleibt die Frage „Ich weiß nicht, wer ich bin“. Eine Frage, die den ganzen Text durchdringt und im Grunde alle betrifft. Und zwar wirklich alle.

Thomas Geldner


Lesen in Tirol

Wenn eine große Verstörung vorliegt, verordnen Ärzte manchmal Spaziergänge oder den bloßen Aufenthalt im Freien. In der Literatur entsteht aus diesen Genesungs-Aufenthalten der Helden oft ein gesunder Roman.

In Mike Markarts Roman „Der dunkle Bellaviri“ ist das erzählende Ich vorerst so verstört, dass es demonstrativ vor allem Vögel und Laub beobachtet, um nicht von irgendjemandem angesprochen zu werden. Dieser Erzähler strolcht mit sich selbst herum, ehe er an der Klingelleiste einer Wohnanlage den Namen Garretti liest, diesen Namen füllt er nun mit Erzählungen und Projektionen aus.

Auf der nächsten Parkbank überfällt der Erzähler den nächstbesten Fremden und stülpt ihm eine Identität als Garretti über. Nach diesem Wunschbild einer Identität wird ein Garretti geformt, der teils kindliche Züge, teils Züge eines literarischen Sonderlings zu tragen hat. Diese Figur tritt als Findelkind auf und klappert in einfältigem Ton mit Paprikaschoten. „Garretti ist mein neues Medium“ sagt der Verstörte hoffnungsvoll und klont schon den nächsten Star für den Text zusammen.

Am Fenster steht zuerst als pure Figur der dunkle Bellaviri und saugt die Umwelt ein, während er sich der Welt als kurze Erscheinung spendet.

    Zwischen zwei Momenten wurde Bellaviri in die Dunkelheit des im Zentrum des Ortes liegenden Hauses hineingeboren. (122)

Der Erzähler ist einerseits angezogen von der lichten Gestalt, andererseits will er diesen Bellaviri wieder loswerden und erfindet deshalb Loswerde-Geschichten. In einer davon verschwinden alle diese Phantasie-Personen an einer Fähre zu verschollenen Inseln.

In Rückblenden erzählt der Ich-Moderator von seinen Auslandsreisen und wie er wieder zu seinen Eltern findet, die ein Hotel mit giftigen Pilzen betreiben. Animiert von diesem Pilzambiente beginnt er zu komponieren, verliert aber offensichtlich sofort das Gehör, sobald er sich zu sehr auf die Noten einlässt. Aus dieser Zeit der künstlerischen Phase stammen auch kleine Individual-Glossen, die von Visionen am Fußballfeld, dem Musiker Palestrina, den Gassen der Umgebung oder virtuellen Fundstücken handeln. Vor allem Fragen, nichts als Fragen bleiben, die auch durch das Exzerpieren nicht besser werden.

Mike Markart komponiert mit dem dunklen Bellaviri ein Stück italienische Empfindungsgeschichte, die an Kunstfiguren aufgefädelt mit Leichtigkeit vom Abenteuer der Maskerade und konstruierter Identität erzählen. Wie Schatten aus der Kindheit huschen die beiden Visionsfiguren durch die laue Witterung des Südens und nehmen dabei einen verstörten Erzähler unter die Fittiche, um mit ihm zu verschwinden.

Helmuth Schönauer



www.lovelybooks.de

Rezension zu "Der dunkle Bellaviri" von Mike Markart


Wer ist dieser Garetti? Wer ist überhaupt dieser Erzähler, der scheinbar Angst vor fremden Menschen hat und doch nur durch sie SEIN kann? Was hat es mit dem dunklen Bellaviri auf sich?

Dieses Buch lässt viele Fragen offen. Behutsam führt der Autor durch seine verschiedenen Erzähler in diesen Geschichten an seine Figuren heran. Viele Figuren scheinen Getriebene zu sein, die durch ein Ereignis aus ihrem gewohnten Lebensrhythmus herausfallen und nun zu Suchenden werden. Ist es gar der Autor selbst, der sich da beschreibt, wenn der fremde Mann auf der Straße fragt: "Wer bin ich?".

Die poetische Sprache ist sehr berührend. Für mich eines der schönsten Bücher, die ich in diesem Monat gelesen habe!









Titel Magazin

Nach Calcata (2009) und Der dunkle Bellaviri (2013) erscheint nun der dritte autobiografisch gefärbte Roman von Mike Markart: ›Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund‹. Mit diesem neuesten Band mit einem merkwürdigen Titel ist die Trilogie abgeschlossen. Wie auch die beiden ersten Romane erzählt sie uns von einer bruchstückhaften, zerlegten Welt. Von HUBERT HOLZMANN


Bereits mit dem Titel ›Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund‹ befremdet der 1961 in Graz Markart geborene Mike Markart. Wie eine Chiffre verbirgt und verweist sie zugleich auf eine persönliche Erzählsprache des Autors, der mittlerweile in Stainz lebt. Markart beobachtet in seinem Geschichten. Am liebsten irgendwo hinter einem Fenster sitzend, auf einen Platz blickend – oft steht etwas Trennendes zwischen ihm und seiner Umgebung, und wenn es einmal keine Glasscheibe gibt, so hält er sich zumindest mit einem Ristretto den Kellner auf Abstand.

Und so ein Caffè im Nebenbei ist es dann auch, was wohl zum Nachdenken respektive Schreiben bringt – einen beinahe klassisch anmutenden Kaffeehausromancier, der den Tag verbringt, nicht um zu schreiben, sondern um zu warten, zu beobachten, zu beäugen. Mike Markart ist ein sehr optischer Mensch, das hat er nicht zuletzt auch schon mit seinem Erzählband Magritte (2012) bewiesen, wo er Bilder, Motive, Details des surrealistischen Künstlers entlehnt und zum Anlass für sein Erzählen, Befremden, Entfremden nimmt.

Und fast wie selbstverständlich weist Markart dann selbst dieses Bild von sich – vom typischen Kaffeehausliteraten, der mit großer Beharrlichkeit seinen Stammplatz anvisiert. Eine Inszenierung. Vielleicht weil dies eine Zeit lang sein großes Vorbild und Vordenker Thomas Bernhard im Bräunerhof so pflegte. Markart jedoch wechselt seine »Hochsitze«. Er verändert die Perspektive, die Aussichten. Trotz allem ist auch seine Position ganz speziell. Zumindest liegt doch eine Spur Understatement darin: »Ich beobachte die Welt lange genug, um in aller Bescheidenheit behaupten zu können, von all ihren Bewohnern einer der normalsten zu sein.«

Die Chronik der Mütter

Zunächst beginnt er seinen neuen Roman, der aus 71 kurzen Erzählpartikeln besteht, als Ich-Erzähler. Er setzt sich mit seiner Familienchronik auseinander, die von seiner Mutter verwahrt wird. Diese Familienchronik ist jedoch im eigentlichen Sinne keine historisch angelegte Aufzeichnung, wie man erwarten könnte. Hinter dieser Chronik verbirgt sich nämlich auch eine Art Kochbuch, das seit dem 17. Jahrhundert von Generation zu Generation weitergegeben wird – immer um neue Rezepte ergänzt und auch um Geschichten einer »kleinen Frau«, die über die Jahrhunderte hinweg immer mal wieder von den Chronikverwalterinnen, den »Müttern« gesichtet wird.

Der Ich-Erzähler ist in diese matrimoniale Tradition scheinbar eingebunden, denn auch er – der nächste in der Generationenfolge – wird eines Tages diese »kleine Frau« zu Gesicht bekommen. Bis ihm also eines Tages diese Sammlung von Familienrezepten übergeben werden wird, hat er vor allem die Aufgabe, für seine Mutter zu bestimmten Feiertagen einzukaufen – nämlich sehr spezielle Zutaten für die mehr als besonderen Gerichte.

Beinahe von mythischer Bedeutung – wenn auch durchaus nicht ohne eine Spur Humor gewürzt – ist die Aufgabe, die ihm von seinem Vater übertragen wurde. Er holt für das Osterfest das Osterfeuer von einem der nahe gelegenen Berge. Die Vaterbeziehung des Ich-Erzählers scheint also einmal nicht berührt von irgendwelchen ödipalen Problematiken. Ein uraltes Familienritual überlagert alles andere. Es ist diese Aufgabe, fast schon Pflicht, diese Erwartung des Vaters zu erfüllen. Da ist die noch so beladene Einkaufstasche nicht zu schwer, kein Platzregen zu stark, kein Aufstieg zu mühevoll.

Scharfe Peperoni und andere Familienschätze

Andere dieser 71 Kurztexte zeigen den Autor beim Spazieren oder an seinem Schreibtisch. Ihm begegnen Menschen, die er von frühester Kindheit an kennt, einen Nachbarn, der einen Hund ausführt, einer Marina, die wohl einen Neuen hat. Dann wieder findet man den Erzähler auf Reisen, beispielsweise in Venedig.

Die Familienchronik, das in der Familie weitervererbt wird, ist also nicht allein eine alte Sammlung von Familienrezepten. Es gibt die »kleine Frau«, die unvorhergesehen »unter meinem Kasten hervorflitzt«. Und es enthält vielleicht sogar noch weitaus tiefere Abgründe, die in Markarts Roman nur angedeutet werden. Was stört den Erzähler an Ludwig? Was behagt ihm an Herrn Berger mit seinem Hund nicht? Erklären kann es der Erzähler nicht wirklich. Es ist halt so. Vielleicht gibt es irgendwie innerlich eine Sperre?

Chiffren, Brechungen, Befremdliches

Und da taucht es wieder auf, was schon im Dunklen Bellaviri kaum fassbar war. Der Regen. Das Gehen durch Landschaften. Von einem geheimnisvollen Ort zum nächsten. Auch hier wieder die Störungen. Der Mönchsberg, von dem »es förmlich von Selbstmordgedanken getriebene Menschen« regnet. Die Pferdeskulptur in Venedig, die für den Ich-Erzähler zum Leben erwacht. Die Kopfgeburten bei langen Straßenbahnfahrten.

Markarts Erzählprinzip ist dabei ein hochmusikalisches: Auch er beherrscht, wie sein »alter Meister« aus Ohlsdorf, das Variationsprinzip, das Aufgreifen, Verändern, Fortspinnen langer innerer Monologe – immer den eigenen Gedanken hinterherjagend. Der Brief an Marina ist nur ein Anhaltspunkt für dieses Zerrissene. Die geschriebene Antwort. Die jedoch zurückgehalten wird. Und nicht erst da wird aus Markarts Roman ein sehr poetisches Buch. Denn er schiebt in seine Beobachtungswelt »Geschichten« ein, die aus seinen früheren Werken stammen könnten: die Familiengeschichte des »Osterfeuers« verzaubert mit einigen exotischen Zutaten von »Kabarüben. Alfalfasprossen«, »Zattere. Gondelwerft. Die Pferde aus Metall« oder »Meine Orte. Letzter Eintrag. Corice«. Einträge vielleicht für die Familienchronik.

Und daneben der Brief an Marina. Unabgeschickte Zeilen. Die Sendung verschoben. Denn was soll das Gegenüber mit dem Inhalt? Liegt das Glück nicht darin, dass nicht immer gleich alles gesagt wird? Markarts neuer Roman kann bereits als Appetizer für sein nächstes Projekt, an dem er zusammen mit seinem Bruder Tom Markart gearbeitet hat: Geheime Osteria.


Mike Markarts Roman ›Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund‹ öffnet einen Blick auf die anrührende Innenwelten des Autors, auf Fantasien, Vorsehungen, Aussichten. Auf jeden Fall: ein eigenartiges, eigenwilliges, groteskes und auch poetisches Buch.


| HUBERT HOLZMANN

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